Nachtwächter
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Nachtwächter in Auerbach

Wenn man heute zu Jemandem
„Du Nachtwächter!“
sagt, fühlt sich diese Person beleidigt
und droht eventuell auch mit Konsequenzen.
Dieses heute Fast-Schimpfwort
gehört aber zu einer Person
und zu einem Berufsbild
aus einer längst vergangenen Epoche,
und der Nachtwächter war
eine wichtige Amtsperson in alter Zeit.

Die ersten Nachtwächter
Während ganz früher die Leute selber allein auf ihr Hab und Gut auspassen mussten, wurden in den Märkten und Städten schon bald  Personen gegen Besoldung aufgestellt, die besonders in der Dunkelheit für die öffentliche Sicherheit und Ordnung zu sorgen hatten.
Das war sicher auch in Auerbach schon beim ersten Wachsen der Ansiedlung nach der Markt- und Pfarreierhebung 1144 so. Als Auerbach dann 1314 durch Ludwig den Bayern zur Stadt erhoben  und bevölkerungs- und flächenmäßig größer wurde, ernannte der Magistrat gleich zwei Nachtwächter, von denen der eine vor Mitternacht und der andere danach bis zum morgendlichen Gebetläuten seine Runden machte.

Die ersten Nachtwächter von Auerbach
sind uns nicht namentlich bekannt.
Erst nach dem Dreißigjährigen Krieg (1618-48)
sind Namen überliefert. So übten
1652 Hans Springer und Hans Steger
diesen Posten aus. Im Jahr 1675
gab es nach Köstler (1, Seite 152)
sogar drei Nachtwächter, nämlich
Hans Lippert, Hans Schaffer und Hans Traidl;
ob sie allerdings gleichzeitig tätig waren,
ist nicht bekannt.

1750 werden in den alten Ratsakten Hans Hausmann und Heinrich Lorenz als „Gassenwärter“ genannt.

"Seit Jahrhunderten wandeln zur Nachtzeit
durch die stillen Straßen Auerbachs
zwei Wächter mit althistorischen Wehrspieß,
um im Verein mit dem Türmer
spähenden Blickes Diebs- oder Feuersgefahr
zu erforschen, Ruhestörungen abzuschaffen
und lichtscheues sittenloses Gesindel
zu verscheuchen." (1, Seite 150)
Josef Köstler schrieb das
vor rund einem Jahrhundert
in der Gegenwartsform, und da hat es
den Nachtwächter in unserer Stadt noch gegeben.

Carl Spitzweg (1808-1885) Der Nachtwächter

Dann meint Köstler kritisch: "Viele Erfolge kann das Institut der Nachtwächter nicht aufweisen. Es mag zwar manche Feuersgefahr entdeckt worden sein, ein Dieb oder Brandstifter wurde aber kaum je gefaßt. Der Wachdienst war nämlich derartig organisiert daß jeder Dieb und Ruhestörer rechtzeitig vom Herannahen des Polizeispießes Kenntnis erhielt und sich dem Auge des Gesetzes entziehen konnte." (1, Seite 150)

Rudolf Lodes, Das nächtliche Auerbach

Dieses von Köstler angedeutete "Vorwarnen" kam dadurch zustande, dass der Nachtwächter bei seinem nächtlichen Rundgang außer dem Stundenausruf oder -gesang (siehe unten) jede Viertelstunde mit seinem Pfeifchen ein Signal geben musste, das dann der Türmer von seiner hohen Warte aus mit dem Horn zu erwidern hatte. So sollten sich nach dem Willen der Obrigkeit beide gegenseitig im Hinblick auf ihr Wachsein kontrollieren.

Es soll trotzdem
hin und wieder
schon passiert sein,
dass der Nachtwächter
sich niedersetzte und ...
Carl Spitzweg (1808-1885)
Der eingeschlafene Nachtwächter

Und manchmal werden wohl auch beide vor Übermüdung eingeschlafen sein, wofür drakonische Strafen drohten.

Besoldung eines Nachtwächters
Der Lohn eines Nachtwächters war so gering, dass damit der Lebensunterhalt der Familie nicht hätte bestritten werden können. So bekam ein Nachtwächter in Auerbach z.B. anno 1813 pro Woche einen halben Gulden und jährlich dazu 2 Achtl Korn (in Bayern entsprach ein Achtl etwa 9,2 Liter).

Ein Gulden (fl)
hatte 60 Kreuzer (kr),
ein Kreuzer 12 Heller (hl).

Ab 1870 wurden
im ganzen Deutschen Reich
Mark und Pfennig eingeführt.

Im Vergleich dazu einige Preise und Löhne in unserer Gegend um das Jahr 1800:

ein großer Laib Brot bis zu ca. 30 kr
ein Pfund Ochsenfleisch 9 kr
ein Pfund Rindfleisch 8 kr
ein Pfund Schweinefleisch 10 kr
ein Pfund Karpfen 12 kr
ein Pfund Hecht 14 kr
ein lebende Gans 36 kr
ein Maß Winterbier 2 kr
ein Maß Sommerbier 3 kr
ein Klafter Weichholz frei Haus 5 fl 30 kr

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Winterbier und Sommerbier
Diese Unterscheidung stammt noch aus der Zeit, als es keine größeren Kühleinrichtungen gab. Da wurde dann das letzte Bier vor Beginn der warmen Jahreszeit im März gebraut. Dieses „Märzenbier“ war etwas stärker, damit es den Sommer über hielt und nicht kaputt ging. Das Sommerbier war deshalb auch etwas teuerer.

Erst nach der Hopfen- und Getreideernte
im Herbst wurde dann wieder frisches Bier gebraut,
das "Winterbier". Prost!

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"Anno 1900 ... bekommt der Nachtwächter ... jährlich 240 M Gehalt und freie Wohnung." (1, Seite 150)

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Löhne im Vergleich
Jahreslohn Roßknecht 30-60 fl
Jahreslohn Ochsenknecht 24-36 fl
Jahreslohn Magd 12-18fl
Tageslohn Maurer 48 kr
Tageslohn Zimmerer 45 kr
Tageslohn Tagwerker 24 kr

Die bescheidene Besoldung des Nachtwächters kam sicher auch daher, weil die nächtliche Arbeitszeit nur zwischen fünf und sechs Stunden betrug, während ein normaler Handwerker am Tag durchaus seine 15 Stunden schuften musste.
Nachtwächter hatten oft auch noch einen "Tagjob", wenn auch eventuell nur "in Nebentätigkeit und Teilzeit". So ist von einigen überliefert, dass sie Bierholer oder Maulwurffänger waren.
"Die Becken zahlen auch manchen Obolus für das tägliche Aufwecken." (1, Seite 150) Dies vor allem auch, wenn der Meister am Abend vorher zum Dämmerschoppen einkehrte.

Da sagte der Zecher dann vorher
seinem Nachtwächter, wann er bei ihm
am Fenster klopfen und nicht nachgeben sollte,
bis er aus den Federn
und in der Backstube
bzw. in der "Wurschtkuchn" sei.

Zu Neujahr gab es auch einige freiwillige Gaben für die Nachtwächter durch einzelne Bürger, wenn er ihnen "a gouds neis Joahr" wünschte.
"Früher hat ihnen die Stadt hie und da einen Schafpelz als Schutz gegen die Unbilden der Witterung angekauft; der Spieß scheint noch aus Landsknechtszeiten zu stammen." (1, Seite 150)

Zu der kargen Besoldung
hatten die Nachtwächter
allerdings freie Wohnung.
Diese war früher in einem der
Türme der drei Stadttore,
und ab ab ca. 1760
im städtischen Schlachthaus
in der Bachgasse (210).

1961 wurde das Schlachthaus in der Bachgasse, in dem rund 150 Jahre die Dienstwohnungen der Nachtwächter von Auerbach waren,   abgerissen. Dadurch wurde die Einfahrt in das Anwesen der ehemaligen Brauerei Weiß verbreitert. (nach 2, Seite 211)

Unterstellmöglichkeit am Rathaus
Die Nachtwächter mussten ihren Dienst bei Wind und Wetter, in den heißen Sommer- und in den oft bitterkalten Winternächten ausüben. Seit alter Zeit stellte ihnen die Stadt dafür eine einfache Unterstellmöglichkeit an der Südostecke des Rathauses (roter Pfeil) zur Verfügung.

1418 wurde das Rathaus der Stadt Auerbach am heutigen Platz errichtet. Vorher diente die „alte Stadtschreiberei“ (heute Oberer Marktplatz 11) für die Amtsgeschäfte. Ob 1524 oder wenige Jahrzehnte später das Rathaus von 1418 abgerissen und neu aufgebaut oder lediglich angebaut wurde, lässt sich wohl nicht mit Sicherheit sagen. Seine heutige Größe mit immerhin ca. 30 mal 9 m und im wesentlichen auch sein jetziges Aussehen erhielt das Auerbacher Rathaus jedenfalls im Jahre 1551, wie der Schlussstein im Kreuzgewölbe des Erdgeschosses verrät. Das im Stil der damals üblichen Gotik erbaute Rathaus von 1551 hatte zwei stattliche Zinnengiebel und ein Türmchen. Das auffälligste äußere Detail war sicher die doppelte Freitreppe an der Südseite, die beim heutigen Bürgermeisterzimmer endete. Nur über diese Außentreppe konnte man damals in die oberen Stockwerke des Rathauses gelangen.
Im Erdgeschoß waren vier große, früher immer offene Türen und zahlreiche gewölbte Räume, in denen verschiedenste Waren feilgeboten wurden. Auch Arrestzellen und die städtische Waage waren hier untergebracht.
Die vorstehende Zeichnung ließ Joseph Köstler um 1900 nach alten Notizen von Ludwig Müller anfertigen. Besagtes „Wachhäusl“ ist zwischen der Außentreppe und dem Osttor eingezeichnet.

Die Person, die der Auerbacher Künstler und Mediziner Dr. Rudolf Lodes (1909-2006) auf diesem Ölbild vor der nächtlichen Kulisse der Pfarrkirche malte, wird wohl nicht der Nachtwächter unserer Stadt sein, obwohl Lodes diesen noch selber leibhaftig erlebt hat.

Die Nachtwächterdynastie Preis
Namentlich bekannt als im Schlachthaus wohnende Nachtwächter sind ab 1760 Friedrich Kroher und Johann Konrad Preis. Dessen  Sohn Friedrich Jakob Preis (1775-1848) war ab 1800 zusammen mit Georg Krix Nachtwächter. 1842 brannte das Schlachthaus ab und wurde sofort wieder aufgebaut. Im gleichen Jahr wurde Konrad Preis (1806-1864) Nachtwächter, der die Barbara Friedl aus Dornbach zur Frau hatte. Sein Kollege war Georg Schmucker (HNr 272), der eine Tochter des Krix geheiratet hatte. Nach dem Tod von Konrad Preis wurde die Reihe dieser Familie als Nachtwächter für ein gutes Jahrzehnt unterbrochen. Amtsinhaber waren nun einige Jahre Johann Hertl und Johann Schatz. Über Letzteren ist ein schöne Episode überliefert.
Johann Joseph Preis (1838-1916) nahm 1879 das Staffelholz der Preis als städtische Nachtwächter nochmals auf. In den Akten heißt es am 30. Januar 1879: "Die beiden Pelze sammt Stiefel sind dem Preis mit dem Bemerken übergeben worden, daß er für die Reparatur der Stiefel selbst zu sorgen hat." (3) 1910 endete die Dynastie der Preis´schen Nachtwächter in Auerbach, denn Sohn Josef Preis (1877-1960) wurde Schlosser im Bergwerk. Er heiratete in erster Ehe die Katharina Heckel von HNr. 255 (heute Dr.-Heinrich-Stromer-Straße 8) und kaufte mit ihr zusammen das Anwesen Nr. 86 (heute Kirchstraße 8). Als Witwer ehelichte er 1917 dann die Witwe Margarete Sporrer.

Aus dieser Ehe ging
1917 Ludwig Preis
hervor, der als Nachfahre
des Auerbacher Nachtwächters
lange Jahre Stadtrat war.
(+2014, Nachruf)

Ludwig Preis wusste aus Erzählungen seines Vaters zu berichten, dass Großvater Johann Joseph öfter krank war und dann von seiner Frau Anna im Dienst vertreten wurde.

Aus einem Nachtwächterleben
"Ein böses Malheur passierte einst dem Nachtwächter Schatz."

Johann Schatz,
Maurer und Nachtwächter,
lebte 1825-1894 und wohnte
mit seiner Familie im Haus 254a,
heute  Dr.-Heinrich-Stromer-Straße 12.
(2, Seite 360)

"In einer bitterkalten stockfinsteren Nacht des Monats Januar 1866 schrie er die 2. Stunde nach Mitternacht aus und kroch dann in den auf einem Schlitten befestigten Postomnibus, um hier ein bißchen auszuruhen. Auf den weichen Polstern erwärmten sich bald die steifen Glieder des Nachtwächters und bald verfiel er in einen tiefen Schlaf. Morpheus fesselte ihn derart, daß er selbst dann nicht erwachte, als der Postillon, der alte Wolf, um 4 Uhr den Omnibusschlitten bespannte und damit Neukirchen zufuhr.

Der Wächtersmann schnarchte in allen Variationen, der ahnungslose Rosselenker aber glaubte, die Säge nächtlicher Holzdiebe zu vernehmen und spornte seine Braunen zu rascherem Tempo an, bis sie am Posthaus zu Königstein mit jähem Ruck stille standen. Durch den Stoß erwachte der unfreiwillige Passagier und krabbelte, während Wolf seine Briefschaften expedierte, aus den dunklen Tiefen des Postkastens. Seiner Pflichtvergessenheit sich schämend wollte er rasch das Versäumnis nachholen und die 3. Stunde ausrufen. Der Postillon aber ließ vor Schrecken fast die Laterne zu Boden fallen, als vor ihm ein bärenartiges Ungetüm auftauschte und zu lallen anfing: ´Woi Zeit iss denn?´ An der Stimme erkannte Wolf sofort den Auerbacher Wächtersmann und schrie ihn verdutzt an: ´Um Gotts Willn, Hans, woi kummst denn du heint in aller Froih scho af Kinistaa iba?´ Dem Hans ging jetzt plötzlich ein ganz gewaltiges Licht auf und stillschweigend eilte er zurück in seine Vaterstadt. (Anm.: ca. 10 km durch den tief verschneiten Wald!)

Dem Sackdilling Seppl
gab er auf seine
neugierige Frage
gar keine Antwort.

Um 8 Uhr betrat er seine häusliche Schwelle in der Vierzehnmistengaß. ´An Reiwa hama vafolgt´, erklärte er seiner besorgten Gattin. ´Halt oba s Maal, des is a Amtsgheimnis!´ Obwohl auch Wolf, der Rosselenker, abends bei einer dedicierten (d.h. spendierten) Maß feierlichst das unverbrüchlichste Stillschweigen gelobte und keinem Menschen von dem nächtlichen Reiseabenteuer erzählte als seiner Gattin Kathl - Gott hab sie selig - so ist doch die Mär davon nach und nach durchgesickert und bis an das Ohr des Chronisten gedrungen. - Und daß ´s wahr is, des is ganz gwies!" So berichtet Chronist Joseph Köstler (1849-1925), der beide Akteure natürlich persönlich kannte. (1, Seite 151f)
Johann Schatz war danach noch vier Jahre Nachtwächter hier.

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Über mir leihweise zur Verfügung gestellte
Fotos und Informationen
über die Nachtwächter in Auerbach
oder an anderen Orten
würde ich mich sehr freuen, denn ...

... daran arbeite ich gerade.

Bitte etwas Geduld.

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verwendete und weiterführende Quellen

1

Köstler, Joseph (1849-1925), Chronik der Stadt Auerbach, Band 8 des handgeschriebenen siebenundzwanzigbändigen Werkes, Lagerort Archiv der Stadt Auerbach i.d.OPf.

2 Kugler, Hans Jürgen, Auerbach in der Oberpfalz - Die Geschichte seiner Häuser und Familien, Band 2, Auerbach 2010
3 Stadtarchiv Auerbach, Akte 1.08802-57
4 https://de.wikipedia.org/wiki/Nachtwächter
5 https://de.wikisource.org/wiki/Nachtwächter
   

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Hört ihr Herrn und lasst euch sagen ...
Melodie: nach einem Choral aus dem "Nürnberger Gesangbuch" von 1731
Text: Nachtwächterlied aus dem 18. Jahrhundert in sieben Strophen

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1. Hört, ihr Herrn, und lasst euch sagen,
unsre Glock hat zehn geschlagen.
Zehn Gebote setzt Gott ein;
Gib, dass wir gehorsam sein!  
Ref. 1-6: Menschenwachen kann nichts nützen,
Gott wird wachen, Gott wird schützen;
Herr, durch deine Güt und Macht,
gib uns eine gute Nacht.
2. Hört, ihr Herrn, und lasst euch sagen,
unsre Glock hat elf geschlagen!
Elf der Jünger blieben treu;
Hilf, dass wir im Tod ohn Reu!  
3. Hört, ihr Herrn, und lasst euch sagen,
unsre Glock hat zwölf geschlagen!
Zwölf, das ist das Ziel der Zeit;
Mensch, bedenk die Ewigkeit!  
4. Hört, ihr Herrn, und lasst euch sagen,
unsre Glock hat eins geschlagen!
Eins ist nur der ew’ge Gott,
der uns trägt aus aller Not.  
5. Hört, ihr Herrn, und lasst euch sagen,
unsre Glock hat zwei geschlagen!
Zwei Weg hat der Mensch vor sich;
Herr, den rechten führe mich!  
6. Hört, ihr Herrn, und lasst euch sagen,
unsre Glock hat drei geschlagen!
Drei ist eins, was göttlich heißt:
Vater, Sohn und Heil’ger Geist.  
7. Hört, ihr Herrn, und lasst euch sagen,
unsre Glock hat vier geschlagen!
Vierfach ist das Ackerfeld;
Mensch, wie ist dein Herz bestellt?  
Ref. 7: Alle Sternlein müssen schwinden,
und der Tag wird sich einfinden.
Danket Gott, der uns die Nacht
hat so väterlich bewacht.

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letzte Bearbeitung dieses Artikels am 6. Januar 2016

Für Ergänzungen, Korrekturen usw.
bin ich sehr dankbar.
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