Stadttürmer
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Die Auerbacher Stadttürmer

Ein wichtiger Faktor der mittelalterlichen Stadtbefestigung war sicher auch der Stadttürmer, der Tag und Nacht hoch über den Dächern der Häuser auf dem Kirchturm von luftiger Höhe aus über Auerbach und die Umgebung wachte.

Auf dieser
ca. 100 Jahre
alten Ansichtskarte
ist eindrucksvoll
zu sehen, wie weit
der Kirchturm
die Stadt Auerbach
überragt.

Wer heute den Auerbacher Kirchturm besteigt, um gleichsam aus der Vogelperspektive die weite Aussicht zu genießen, wird kaum daran denken, dass jahrhundertlang Menschen diesen relativ beschwerlichen Weg nach oben mehrmals am Tag zu gehen hatten, um Ausschau zu halten zum Schutze der Stadt und ihrer Bewohner. Der Turm war bis zum verheerenden Stadtbrand von 1868 sogar noch ein Stockwerk höher.
Es waren die Türmer oder Turner, die bis zu Beginn des 20. Jahrhundert als städtische Angestellte eine sehr wichtige Aufgabe zu erfüllen hatten.

Vom Kirchplatz aus
misst das höchste Bauwerk
der Stadt heute 61,50 m,
die Grundfläche des Turmes
ist ein Quadrat mit 8 m Seitenlänge.
Im 1. Stock sind die Mauern 2,40 m
stark, im 5. noch 1,60 m
und im 10. „nur noch“ 0,90 m.
Wenn man mit gutem Recht
das Jahr 1441 als Baubeginn
annimmt, so hat der Turm
das ehrwürdige Alter
von über 560 Jahren.

Dass er Kirchturm heißt und die Kirchenglocken beherbergt, aber im Eigentum und in der Baulast der Stadt ist, sei nur am Rande erwähnt. Doch nun zu den Türmern.

Die ersten Türmer
Seit der Martktgründung Auerbachs und der gleichzeitigen Pfarreierhebung anno 1144 gab es zwar einen Kirchturm, aber keinen Türmer. Der ursprünglich romanische Turm von 1144 und von 1314, der bis zur Zerstörung durch die Hussiten 1430 neben der Pfarrkirche stand, war unbewohnbar, und wegen seiner relativ geringen Höhe nicht als Beobachtungsturm geeignet.

Kirche 1144    

   Kirche 1314

Den für die Stadt so wichtigen Wachtdienst versahen ausschließlich die „Thorwärtl“ auf den Türmen der 3 Stadttore. Auch als der neue Turm 1445 fertig gestellt war, sollte es noch 110 Jahre dauern, ehe durch den Bau eines weiteren Stockwerkes die Türmerwohnung eingerichtet wurde. Seit 1555 gab es damit einen „Stadttürmer“ oder „Stadtturner“ in Auerbach.
Die ersten „Turner“ entstammten wohl der Familie Dillmann. Sie wie alle ihre Nachfolger hatten zahlreiche Pflichten zu erfüllen. So hatten die Türmer Tag und Nacht den Wachtdienst zu versehen und bei einem Brand die Feuerglocke, bei einem Gewitter die Wetterglocke, bei einem Todesfall das Sterbeglöcklein, bei einer Hinrichtung das Armesünderglöcklein zu läuten. Wenn feindliche oder einfach unbekannte Personen die Stadt umschlichen oder gar Verdächtige sich den Toren näherten, dann waren mit dem Horn oder der Glocke bestimmte Signale zu geben. Abends 11 Uhr wurden die Stadttore zugesperrt und der Türmer hatte dabei das Sperrglöcklein oder den „Hußaus“ zu läuten. Tag und Nacht hatte er die Stunden „nachzuschlagen“. 

Nachts musste der Türmer
zu jeder Viertelstunde
ein Hornsignal geben,
das vom Nachtwächter
unten in der Stadt
erwidert werden musste.
Dies war eine Art
gegenseitiger Kontrolle,
dass weder Turner
noch Nachtwächter
ihre Aufgaben vernachlässigten,
und vielleicht gar einschliefen.

Türmer und „Stadtpfeifer“
Wie in jeder anderen Stadt, so gab es auch in Auerbach einen „Stadtpfeifer“, der bei Festzügen vorausgehen und aufspielen musste, bei Kindstaufen und Hochzeiten den Dudelsack oder die Sackpfeife blies, zum Tanz aufspielte und vor allem auch bei den feierlichen Gottesdiensten in der Kirche mitwirkte. Als der Magistrat 1555 einen Stadttürmer anstellte, übernahm dieser auch das Amt des Stadtpfeifers; vielleicht war der erste Turner der bisherige Pfeifer.

Aus diesem zusätzlichen Amt heraus erwuchsen dem Türmer weitere Aufgaben. So hatte er dreimal am Tag von der Galerie des Turmes mit 2 Gesellen fröhliche Weisen „abzublasen“, und zwar um 2 Uhr und um 10 Uhr in der Früh und um 18 Uhr abends; im Winter um 4 Uhr, um 10 Uhr und um 16 Uhr.
Dabei war genau festgelegt, dass jeweils „3 Stücklein“ auf die Stadttore zu geblasen werden mussten.

Auch bei der Kirchenmusik hatte der Turner gegen geringen Lohn mitzuwirken; er hatte aber dafür das Privileg, dass nur er bei Kindtaufen, Hochzeiten und Kirchweihfesten gegen Entgelt aufspielen durfte. Dabei machten ihm allerdings über die Jahrhunderte hinweg andere Musikanten, oftmals die Stadthirten, Konkurrenz und „schnappten ihm das Brot weg“.
Kamen hohe Herrschaften auf Besuch in die Stadt, so musste sie der Turner schon aus der Ferne „anblasen“ und ihnen später in ihrer Herberge mit seiner Musik aufspielen.

Versäumnisse der Turner
Bei den zum Teil doch recht genau festgelegten Aufgaben blieb es nicht aus, dass ein Türmer schon mal seine Pflicht verletzte und dafür bestraft wurde. In den alten Ratsbüchern und Stadtkammerrechungen wimmelt es geradezu von derartigen Vorkommnissen.
So erhielt z.B. am 9. Juli 1660 der Türmer Sigmund Muckensturm vom Rat einen sehr strengen Verweis, weil er die „schweren Gewitter nit rechtzeitig angeschlagen und weggläut“ habe. Der gleiche Turner wurde am 25. Juni 1662 drei Tage bei Wasser und Brot in den Kollerer gesperrt, weil er die Ankunft des Bamberger Bischofs falsch signalisiert hatte. Als sich nämlich auf sein Signal hin bereits ein Festzug der örtlichen geistlichen und weltlichen Honoratioren dem hohen Gast entgegenbewegte, musste der Türmer mit Schrecken vermelden, dass es nicht die erwartete bischöfliche Reiterei war, die er von Michelfeld herkommend angekündigt hatte, sondern eine Kuhherde.

„Kollerer“
wurde damals
das städtische Gefängnis
genannt, welches sich
im ebenerdigen Gewölbe
des „Predigerturmes“,
heute Pfarrstraße 15,
befand.

Unter dem 28. Januar 1678 kann man lesen, dass der Türmer Daniel Schrumpf  24 Stunden bei Wasser und Brot in den Kollerer gesperrt wurde und am nächsten Tag sein Geselle und sein Lehrjunge ebenfalls, weil alle drei die Feuersbrunst an der Zogenreuther Mühle übersehen hatten.

Die Türmergenerationen Peißner
Mit der Anstellung von Zacharias Ignatius Peißner aus Hirschau am 1. Februar 1692 übernahm diese Familie den Türmerdienst in Auerbach für die nächsten 206 Jahre. Auch über dieses Geschlecht findet man Interessantes in den Ratsbüchern. So heißt es z.B. über den „Turnertani“ Anton Peißner, der von 1720-40 amtierte, dass er ein populärer Mann war, der einen guten Trunk nicht verschmähte und wie alle Peißner ein vortrefflicher Musiker war. Er wurde am 13. Mai 1740 arretiert, weil er „statt des Sterbglöckls das Feuerglöckl derwischt“ und durch den falschen Alarm Angst und Schrecken verbreitet hatte.
Da der jeweilige Türmer zugleich Dirigent und Anführer aller städtischen Musikanten war, bekam er allgemein den Beinamen „Turnerprinz“. Auf diesen Titel waren auch die Auerbacher Türmer sehr stolz. „Die Familie Peißner war mehr als die meisten anderen Türmer zu diesem Stolz berechtigt, denn alle ihre Glieder waren vorzügliche Musiker und das Virtuosentum auf der Violine pflanzte sich 200 Jahr lang stets vom Vater auf den Sohn und Enkel fort.“ So urteilt Joseph Köstler (1849-1925) in seiner umfangreichen Stadtgeschichte. (1, Seite 140)
In die Amtszeit von Karl Peißner (1850-70) fiel der große Stadtbrand am 27. Juni 1868, bei dem auch der Kirchturm von der untersten Etage bis zur Spitze ausbrannte. Die Peißner siedelten sich nun unten in der Stadt an und bezogen den Turm auch nach dessen Restaurierung nicht wieder. Als Wächter auf dem Turm versahen in den folgenden Jahren Auerbacher Bürger ihren Dienst, und zwar der Schuhmacher Georg Wolf (1870-72), der Schuhmacher Leonhard Reger (1872-78) und der Schneider Johann Popp (1878-98).
Johann Peißner (1854-1907) heiratete 1880 die Margareta, eine Tochter des bürgerlichen Metzgermeisters Johannes Fellner (HNr 230, heute Oberer Marktplatz 6) und seiner Ehefrau Margareta, geb. Neumüller von HNr 234 (heute Oberer Marktplatz 10).

Dieses Haus Nr. 230
(Hausname beim Schmittschouster)
gehörte 1882-1901
dem Stadttürmer Johann Peißner;
er hatte es durch seine Heirat
mit der Fellnertochter bekommen.
Sein Schwager Michael Fellner
erwarb 1882 Anwesen Nr. 69
(heute Oberer Marktplatz 14)
und betrieb dort das Gasthaus "Zum Schwan". (nach 2, Seite 274)

Das Ehepaar Peißner hatte zwei Kinder, von denen Sohn Joseph Karl (1890-1952) ein erfolgreicher Musiker und Komponist wurde. (nach 2, Seite 274) Bruno Peißner, einer der beiden Söhne des Joseph Karl P., besuchte vor kurzem die Wirkungsstätte seiner Vorfahren hier in Auerbach.

Johann Peißner (Pfeil)
mit seiner Frau Margareta,
den Kindern Margarete (rechts)
und Karl (2. von rechts),
sowie seiner Schwester mit Tochter.
(Bildquelle)

1898 legte Johann Peßner das Türmeramt nieder und wurde Chorregent in Auerbach, wo er 1907 starb.

Der letzte Stadttürmer
Als letzter Turner von Auerbach fungierte daraufhin bis 31.12.1910 der Schuster Johann Baptist Metz (1875-1950), Großvater des wohl bekanntesten deutschsprachigen katholischen Theologieprofessors (em.) gleichen Namens unserer Tage. Metz verlegte seine Wohnung bereits um 1900 vom Turm in das daneben stehende älteste Schulhaus der Stadt.

Metz lebte mit seiner Familie auch nach Abschaffung des Türmeramtes weiterhin in diesem nach ihm später so benannten „Metzschulhaus“ (Pfarrstraße 5; Foto), und versah den Mesnerdienst in der Pfarrkirche.
Mit Johann Baptist Metz erlosch in Auerbach ein Berufsstand, der nahezu ein halbes Jahrtausend zum Wohle der Bürger sozusagen „von oben herab“ als Türmer gewirkt hatte.

verwendete Quellen

1 Köstler, Joseph, Chronik der Stadt Auerbach, Band VIII, Teil 1 des siebenundzwanzigbändigen, handgeschriebenen Werkes, Lagerort Stadtarchiv Auerbach
2 Kugler, Hans-Jürgen, Auerbach in der Oberpfalz - Die Geschichte seiner Häuser und Familien, Band 2, Auerbach 2010

Hört ihr Herrn und lasst euch sagen ...

letzte Bearbeitung dieses Artikels am 18. August 2013

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