Rußhütte
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Die Rußhütte

Knapp drei Kilometer westlich vom Stadtzentrum Auerbachs liegt, leicht zu erreichen über die Siechen- und Rosenhof-Siedlung oder über die „Hohe Straße“ der Weiler Rußhütte. (Luftbild, Bayernviewer)

Das einzige Anwesen, Bauernhof und Gasthaus mit Pension in einem, liegt idyllisch am Waldrand und kann Ausgangs- und Zielpunkt schöner Wanderungen sein, z.B. in den Herzogswald und zu den Kammerweihern.
Unmittelbar neben dem geräumigen Parkplatz hat die Stadt Auerbach einen interessanten und gern aufgesuchten Kinderspielplatz eingerichtet.

Die Gegend um die Rußhütte und den nahen Rosenhof wird – vielleicht erstmals schriftlich – im Salbuch Kaiser Karls IV. von 1368 genannt. In einer Aufzählung derer, die „Reutzinse von dem walde“ zahlen müssen, heißt es u. a.: „Die Helwegninn 4 morgen in der Rosenreut. - Des Pogners kinde 3 ½ morgen in der Rosenreut.“ (1,  Seite 126)
Den Name Rußhütte wird man in dieser Zeit allerdings vergeblich suchen, denn der taucht erst einige Jahrhunderte später auf.

Erste bairische Kienrußfabrik
1795 genehmigte und förderte der damalige Auerbacher Landrichter Simon Andreas von Grafenstein die Errichtung einer Kienrußfabrik in einem Waldstück, das zum Kloster Michelfeld gehörte. Im Amberger Wochenblatt wird bald darauf diese Firmengründung als eine ganz hervorragende, welthistorische Tat des Landrichters gepriesen, die zu den kühnsten Hoffnungen berechtige. Die Fabrik erhielt den schönen Namen „Rosenmühle“, obwohl dort weder eine Mühle noch eine Rose war. Die schon genannte Flurbezeichnung Rosenreut und der bereits bestehende benachbarte Rosenhof verschafften der Neugründung diesen wohlklingenden, fast poetischen Namen. Erster Betreiber der Kienrußfabrik Rosenmühle war Georg Lord aus Michelfeld.

Was ist eigentlich Kienruß?

Der Kienruß
war früher
ein gängiges Mittel
zum Schwärzen,
wie ein alter Lexikonartikel
sagt. (2, Seite 392 f)
Er diente z.B. als
Druckerschwärze
und als Farbzusatz
bei Leinölfarben.

Mit Schweineschmalz vermischt erhielt man Schuhwichse, auch  Schusterschwärze genannt, zum Einfärben und Polieren von Schuhen und Stiefeln.
So funktionierte ein Kienrußofen: (Bild aus 3, Seite 39)

Der Kienruß „wird in Kienbrennereien od. Kienhütten bereitet. In diesen befindet sich der Kienbrennofen, ein halbrunder, ausgemauerter Ofen, vorn mit einem, durch eine Thür verschließbaren Schürloch u. einigen Zuglöchern, die mit Steinen zugesetzt werden können; auf der andern Seite ist ein 2–3 Fuß großes Loch, an welches ein gemauerter, 6 Fuß langer Kanal od. liegender Schornstein stößt, dieser endigt sich in einer hölzernen, inwendig mit Lehm überzogenen, selten steinernen Kammer (Rußkammer), die 6–8 Fuß lang u. breit u. 12–18 Fuß hoch ist, an der Seite eine Thüre zum Hineingehen hat u. oben mit einem großen pyramidenförmigen, leinenen od. wollenen Sacke bedeckt ist, durch dessen Gewebe allein die am Feuerherde eintretende Luft wieder abziehen kann. In dem Ofen verbrennt man Kienholz, ein harzreiches Holz vom Wurzelstamme der Föhren u. Fichten, die als Abfälle bei der Harzgewinnung sich ergebenden mit Harz getränkten Rindenstücke u. die Überbleibsel beim Pech- u. Theerschwelen ganz langsam unter sparsamem Luftzutritte, u. es setzt sich dann der K., weil der Kanal vor Beginn des Kienbrennens vorläufig angeheizt a. gehörig erwärmt wurde, blos in der Kammer u. dem Sacke an, von welchem er alle Stunden durch gelinde Schläge mit einem Stocke auf den Boden der Kammer herabgeklopft u. etwa aller 3 Tage zusammengekehrt wird. Nach 12–14stündigem Brennen läßt man den Ofen abkühlen. Der Ruß aus dem Sacke ist der feinste u. dichteste (daher Pfundruß), weniger gut ist er an den Seiten der Kammer u. am schlechtesten auf dem Boden u. den Seitenwänden des Kanals. Der gesammelte Ruß wird in größere Fässer od. in kleine hölzerne Butten (Rußbutten) geschlagen u. verkauft.” (4, Seite 473)

Rußhütte und Rußbrenner
Der Name Rosenmühle wurde nie so richtig gebräuchlich. Es dauerte auch nicht lange, und das Anwesen hieß – zunächst im Volksmund – Rußhütte. Der Betreiber der Fabrik wurde bald „der Rußbrenner“ oder "Rußerer" genannt.

In kurzer Zeit mussten all die schönen Hoffnungen, die sich auf die neue Rußindustrie gründeten, begraben  werden. Die Fabrik konnte den erhofften Weltruf nicht erringen, ja die Firma kam trotz allen Bemühungen über eine örtliche Bedeutung nicht hinaus. Mit dem Tode von Landrichter Grafenstein anno 1800 verlor die Rußhütte ihren Beschützer und Gönner.

Die Grabtafeln von Simon Andrä von Grafenstein und seiner Gemahlin Theres befinden sich in der Pfarrkirche St. Johannes der Täufer in Auerbach beim Übergang vom Chorraum zum Schiff. Landrichter von Grafenstein hatte 1795 die Errichtung der Kienrußfabrik bei der heutigen Rußhütte vorangetrieben und gefördert.

Georg Lord erwarb nach der Aufhebung des Klosters Michelfeld 1803 das Kienrußwerk zusammen mit 14 Tagwerk Grund als Eigentum. Er betrieb die Rußherstellung mit wenig Erfolg weiter. 1809 verkaufte er das ganze Anwesen an seinen Sohn Johann. Dieser hatte zwar nur ein Auge, war aber wohl recht tüchtig und führte das Anwesen bis 1844, allerdings hauptsächlich als Land- und Forstwirtschaft; die Rußfabrikation betrieb er nur mehr gelegentlich. Die letzten Überbleibsel der einstigen Kienrußfabrik wurden erst 1955 im Zug von Umbaumaßnahmen abgerissen.
Sein Nachfolger Anton Lord war zunächst nur mehr Landwirt. Er erweiterte den landwirtschaftlichen Grundbesitz nach und nach auf 37 Tagwerk. Unter ihm und seiner Ehefrau Caritas entstand dann auch die noch heute existierende Gastwirtschaft.
1888 übernahm Tochter Katharina Lord das elterliche Anwesen und heiratete den Landwirtssohn Johann Haberberger aus Auerbach. Sie wiederum gaben die Rußhütte 1903 an Sohn Georg weiter, der bei seinem frühen Tod 1911 seine Frau Maria mit immerhin 8 Kindern zurückließ; der Grundbesitz war auf 41,5 Tagwerk angewachsen.
Bis 1925 bearbeitete die Witwe Maria Haberberger mit ihren Kindern das Anwesen und führte auch die Gastwirtschaft. Sohn Johann übernahm darauf die Rußhütte.
Bei einem verheerenden Brand im Jahre 1929 brannten das Haus, der Stall und der Stadel ab. Johann und seine Frau Barbara bauten alles unter großen Anstrengungen wieder auf.
Johann Haberberger war im Hauptberuf Waldarbeiter. In Ausübung dieser Tätigkeit verunglückte er 1935 tödlich, als ihn beim Baumfällen ein gefrorener Ast erschlug. Er war nur 38 Jahre alt geworden. Unweit der Unfallstelle auf dem Fischsteiner Kirchweg erinnert ein Kreuz an diesen tragischen Unfall. Witwe Barbara heiratete den Hans Kugler aus Nitzlbuch und übergab 1954 das Anwesen an Sohn Richard (1930-90) aus erster Ehe. Dieser heiratete 1957 die Maria Hell aus Ampfing in Oberbayern, deren Mutter, die „Oma“, von 1967 bis zu ihrem Tod 1985 auf der Rußhütte „Mädchen für alles“ war. Ein Jahr nach dem Tod von Ehemann Richard (+ 13.08.1990) übergab Maria an Sohn Michael Haberberger, der nun zusammen mit seiner Ehefrau Caroline, geb. Schleicher aus Weidlwang, „der Rußbrenner“ ist.

Schule in Michelfeld, Kirche in Auerbach, Gemeinde in Ranna
Noch nach dem 2. Weltkrieg besuchten die Rußhüttner in Michelfeld die Schule, fast eine Stunde Fußweg hin und die gleiche Zeit wieder zurück. Kirchlich gehörte die Rußhütte zwar zur Pfarrei Auerbach, doch gingen deren Bewohner meistens in Michelfeld auch in die Kirche; die Erstkommunion wurde in der Asamkirche gefeiert, die Toten wurden auf dem Friedhof in Auerbach beerdigt.
Bis zum 31. Dezember 1971 gehörte die Rußhütte zur politischen Gemeinde Ranna. Mit dieser erfolgte 1972 die Eingliederung nach Auerbach.

Strom und Wasser
So idyllisch die Rußhütte auch liegt, umgeben von Wald und von Weihern, so beschwerlich und anstrengend war für deren Bewohner das tägliche Leben, immer verbunden mit harter körperlicher Arbeit.
Erst vor etwa einem halben Jahrhundert (1964) erhielt die Rußhütte elektrischen Strom. Für die Beleuchtung wurden früher Petroleum- und Karbidlampen verwendet, nach dem Krieg gab es dann schon Gas.

Der Anschluss an die öffentliche Wasserleitung
erfolgte 1967. Bis dahin holte man
das Trinkwasser aus eigenen Brunnen,
für das Vieh aus dem nahen Weiher.

Auf der Rußhütte wurde zeitweilig auch eine Holzkohlenmeilerei betrieben. Das dazu benötigte Wasser entnahm man der „Hüll“. Auf deren Stelle befindet sich heute der Spielplatz für Kinder; der Grund dafür wurde von Richard Haberberger zur Verfügung gestellt.

Erinnerung an den 2. Weltkrieg
1945 in den letzten Kriegstagen wurde auch im Wald bei der Rußhütte gekämpft. Dabei mussten drei junge deutsche Soldaten ihr Leben lassen. Sie stammten aus Streitberg und Muggendorf in der nahen Fränkischen Schweiz, sowie aus Neustadt an der Saale. Die Gefallenen wurden zunächst auf dem Michelfelder Friedhof beerdigt, in späteren Jahren aber in ihre Heimatorte überführt. An diese Kriegstoten erinnerten lange Zeit drei Grabmäler im Wald.

Heute noch zu sehen ist ein Steinkreuz,
das an einen tragischen Unfall
einen Tag nach Kriegsende erinnert:
Wolfgang Dornisch aus Auerbach
wurde am 9. Mai 1945
etwa 300 Meter von der Rußhütte entfernt
von einer Panzerfaustgranate grausam getötet.
Der Landwirt war mit seinem Kuhgespann
in den Wald gefahren, um Bodenstreu
zu holen. Dabei muss er wohl mit der gefährlichen,
todbringenden Munition aus Kriegstagen
in Berührung gekommen sein.

Seit über 200 Jahren besteht nun das Anwesen Rußhütte schon. Auch wenn die einstmals vielgepriesene Kienrußfabrik keinen großen Erfolg und nicht lange Bestand hatte, so brachte doch die mehr oder weniger aus der Existenzsorge heraus geborene Idee, ein Wirtshaus zu eröffnen und zu betreiben, den Rußbrennern mehr Glück.

Heute ist die Rußhütte
ein gerne besuchtes
Gasthaus,
das seit einigen Jahren
auch moderne und preiswerte
Fremdenzimmer anbietet.

verwendete Quellen

1

Das „Böhmische Salbüchlein“ Kaiser Karls IV. über die nördliche Oberpfalz, Oldenbourg Verlag 1973

2 Poppe, Johann Heinrich Moritz, Ausführlichere Anleitung zur allgemeinen Technologie, Stuttgart und Tübingen 1821
3 B. Bussard/H. Dubois, Leçons élémentaires de chimie, 1906
4 Pierer's Universal-Lexikon, Band 9, Altenburg 1860

Almfrieden (alpenländische Volksweise)

letzte Bearbeitung dieses Artikels am 4. April 2012

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