Neuböhmen
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Neuböhmen
Bavaria trans silvam Boemicalem

Der Begriff „Neuböhmen“ wurde wohl erstmals 1783 von František Martin Pelcl, auch Franz Martin Pelzel genannt, in dessen Werk Kaiser Karl der Vierte, König in Böhmen verwendet. Das heute allgemein so bezeichnete Gebiet umfasste in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts einen großen Teil der nördlichen Oberpfalz. Haupt- und Residenzstadt war zunächst 1355-73 Sulzbach, das auch Sitz eines Landgerichts wurde.
Landesherren waren in dieser Zeit Karl IV. (geb. 1316; 1346 deutscher König, 1347 König von Böhmen, 1355 König von Italien und römisch-deutscher Kaiser, 1365 König von Burgund; gest. 1378) und sein Sohn Wenzel (geb. 1361; 1363-1419 König von Böhmen, 1378-1400 römisch-deutscher König; gest. 1419).

Kaiser Karl IV.

Geschichtsschreiber bezeichnen Karl IV.
als einen sehr intelligenten Herrscher
mit scharfem Verstand und einem
 ausgeprägten politischen Instinkt.
Nicht zuletzt die Kenntnis von 5  Sprachen
machte ihm das Herrschen leichter.
Er verfügte aufgrund seiner Herkunft
bereits über eine große Hausmacht,
war mächtiger als viele seiner Vorgänger
und baute diese Vorrangstellung
in seiner Regierungszeit geschickt aus.
Auch die Heirat von Frauen aus anderen
bedeutenden Geschlechtern Europas
vermehrte seinen Besitz.
(Karl IV. am Schönen Brunnen in Nürnberg)

Kaiser Karl IV. (1316-78) war insgesamt viermal verheiratet; die drei ersten Frauen (Blanche von Valois, 1316-48, verh. 1323-48; Anna von der Pfalz, 1329-53, verh. 1349-53; Anna von Schweidnitz, 1339-62, verh. 1353-62) starben in relativ jungen Jahren, die vierte (Elisabeth von Pommern, 1347-93, verh. 1363-78) überlebte ihren Gemahl um rund 15 Jahre.

Territorium in der Oberpfalz
„Seit seiner zweiten Heirat mit Anna von Wittelsbach 1349 erwarb Karl IV. in der Oberpfalz allmählich einen Territorialkomplex, den er nach Franken bis vor Nürnberg ausweitete und mit befestigten Städten und Burgen organisierte.“ (3, Seite 153)

Anna von der Pfalz (1329-1353)
stammte aus dem Geschlecht der Wittelsbacher.
Sie war Tochter des Pfalzgrafen Rudolf II.
und seiner Ehefrau Anna von Kärnten-Görz.
Ludwig der Bayer war ein Urgroßonkel von Anna . 

Seinen neuen Grundbesitz aus den Wittelsbacher Ländereien in der „Oberen Pfalz“ gliederte Karl 1355, im gleichen Jahr, als er in Rom zum Kaiser gekrönt (5. April) wurde, und als Prag Hauptstadt des gesamten Heiligen Römischen Reichs wurde, als eigenständiges Territorium der böhmischen Krone an. Man nannte diesen Landstrich in Prag „Bavaria trans silvam Boemicalem“, wie eine Urkunde vom 4. Juli 1357 besagt. In einer anderen Urkunde vom 22. November 1363 spricht Karl von „allen unsern haubtluten vnd amtluten uff yenseit des Behemischen waldes“.

Das erst über 400 Jahre später als „Neuböhmen“ bezeichnete Gebiet (Kartenausschnitt aus 4, Seite 19) umfasste wie schon gesagt und wie hier deutlich zu sehen ist einen großen Teil der nördlichen Oberpfalz. Haupt- und Residenzstadt und Sitz eines Landgerichts wurde Sulzbach.

Das Schloss in Sulzbach (seit 1934 Sulzbach-Rosenberg) hat eine sehr lange Geschichte und eine imposante Größe. (Foto Horst Müller) Aus der Geschichte dieser Stadt: "Als Glücksfall für die Stadt erwies sich 1353 ihre Verpfändung durch Pfalzgraf Rudolf II. an Kaiser Karl IV., damals König von Böhmen. Mit „Neuböhmen" schuf er den Ansatz eines ersten modernen Staates im mittelalterlichen Reich und machte Sulzbach zu dessen Hauptstadt. In den 20 Jahren seiner Herrschaft förderte er die Stadt und ihre Bürger mit zahlreichen Privilegien. Er befreite die Sulzbacher Kaufleute vom Zoll in allen Reichsstädten und gestattete den Bürgern, im ganzen Sulzbacher Land Eisenerz zu fördern. Kaiser Karl IV. weilte, zählt man alle Tage seiner Besuche in Sulzbach zusammen, fast ein halbes Jahr in dieser Stadt. In seiner Regierungszeit vergrößerte sich die Altstadt auf etwa das Dreifache ihrer ursprünglichen Fläche. Auch der Neubau der Stadtpfarrkirche fällt in diese Zeit. Das Standbild am Ostchor dieser Kirche, das den böhmischen Nationalheiligen Wenzel mit den Porträtzügen Karls IV. darstellt, erinnert heute noch an die neuböhmische  Zeit." (Quelle)

Neuböhmen reichte damals bis vor
die Tore Nürnbergs. In Erlenstegen,
heute ein Ortsteil der einst freien Reichsstadt
Nürnberg, steht dieser große Sandsteinblock
mit einer Kreuzigungsgruppe. Dieser Bildstock
wurde schon im 15. Jahrhundert errichtet,
das Original steht heute im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg.

Links daneben
hängt ein Bronzeschild
mit der Aufschrift:
„Böhmische Grenze.
Zur Zeit Karls IV. lag hier
an der Goldenen Straße nach Prag
die Grenze von Neuböhmen“.

Bei der Ausweitung des böhmischen Gebietes nach Westen in die Oberpfalz sollte man bedenken, dass Kaiser Karl "dabei nicht nur an eine Landbrücke nach Luxemburg dachte, sondern an ein Machtzentrum in Verbindung mit den Landen der Hohenzollern um Ansbach und Bayreuth und den fränkischen Reichsstädten (Anm.: insbesondere Nürnberg) im Westen." (3, Seite 153)

Das Böhmische Salbüchlein
Zwischen 1366 und 1368 ließ Kaiser Karl das "Böhmische Salbüchlein" anlegen, "das
mit einer für jene Zeit seltenen Gründlichkeit allen abgabefähigen Besitz verzeichnet, so daß auf der Grundlage einer generellen Landesaufnahme, freilich auf der Basis der Rentenleistungen und nicht im moderneren kartographischen Sinn, ein Besitzinventar entstand und zugleich eine Angabe der einzelnen Ämter und Beamten als Abgabenempfänger." (1, Seite 277)

In dieses Kärtchen (5, Anhang) sind darin genannte Orte eingezeichnet. Im Salbüchlein selber (5, Seite 57ff; aufgezählt auch auf der Internetseite der "Goldene Straße", Orte in Neuböhmen) sind es viel mehr Namen, von denen manche hier erstmals schriftlich genannt werden, manche heute nicht mehr existieren.
Aus den Angaben des Salbuchs können auch interessante Schlüsse über die Wirtschaftskraft und in etwa auch auf die Bedeutung eines Ortes gezogen werden. So heißt es z.B. "It. daz Pleche alle jare 12 lb. It. Aurbach, die stat, gibt auf Walb. 60 lb und auf Mich. 60 lb." (5, Seite 70; im Text steht statt lb das Symbol   für die Mengeneinheit Pfund, die 240 Stück beinhaltet.) Andere Ort sind mit ihren jährlichen Abgaben an verschiedenen Stellen genannt, wie Weiden 180 lb, Pegnitz 80 lb, Hersbruck 70 lb, Sulzbach 64 lb, Lauf 24 lb usw..
Auch die Abgaben an die "Beamten" sind festgehalten. So heißt es: "It. einem pfleger zu Aurbach beweist (Anm.: übergibt, bezahlt) man zum Willenperg 12 lb, 14 voitshuner (Anm.: 14 Hennen, abzuliefern dem Vogt), 42 kes; daz macht 84 hl (Anm.: Heller)" (5, Seite 86)

Über das Recht der Stadt Auerbach im Wald findet man im Salbuch:

Und weiter hält das Salbuch Kaiser Karls (5, Seite 131 f) fest:

Auch die Bewaffnung einzelner Orte ist registriert (5, Seite 123):
"Wappen der vesten und stete: Die von Aurbach habent 80 platen (Anm.: Brustharnische), 68 hauben mit gehenken (Anm.: Helme mit anhängendem Wangen- und Nackenschutz), 70 hauben haben nit gehenke, 78 kräwsnir (Anm.: eine Art Halsschutz), 150 wappenrocke, ... glefen (Anm.: Lanzen)" (5, Seite 132)

Natürlich ist das "Salbuch", wie es schon der Schreiber nannte, handschriftlich abgefasst. Hier ein Ausschnitt über den Hauptmann von Sulzbach: (5, Tafel 2)

"Ein haubtman zu Sultzbach sol haben 4 turner, einen koch, einen kuchenknecht, einen kelner, einen torwertel, 8 wachter, 12 gewappent zu fuzzen, und 8 pferde mit zwein glefen, und gewappent leut zu den acht pferden." (5, Seite 123)

Das "Böhmische Salbüchlein" (Original) lag bis 1995 im Hauptstaatsarchiv München, seither wird es im Staatsarchiv Amberg (StAAm) aufbewahrt. Es hat 153 Seiten, von denen fünf unbeschrieben sind. 
Ursprünglich wurde das für unsere Gegend so wichtige Dokument am Sitz der Regierung von Neuböhmen aufbewahrt, also bis 1353 in Sulzbach und anschließend in Auerbach. Als die ganze Gegend 1400 wieder pfälzisch wurde, versteckte man es zunächst im Auerbacher Rathaus. Landrichter Dietz Marschalk lieh das Büchlein an den Kanzler der Regierung in Amberg aus und forderte es 1487 wieder zurück. Von dort kam prompt die Antwort an den Bürgermeister der Stadt: "Uf unser begern hat uns unser Landrichter und lieber getreuer Ditz Marschalk ein alts Behmisch salpuchlein zubracht ... und itz zu erkennen geben, das ir das wider an in vordern tut. Also wir desselben in ettlichen unsern sachen noch notdurftig sind und diser zeit nit geschicken mugen.  Darumb wollet des gedulten ..." (7)
Wie gesagt, das Original des Böhmischen Salbüchleins lag bis 1995 in München, wahrscheinlich weil man dort "deselben lenger notdurftig" war!

Auerbach 1373 bis 1400 Hauptstadt von Neuböhmen
Im Vertrag von Fürstenwalde, geschlossen am 18. August 1373, gab Kaiser Karl IV. seinem Schwiegersohn, Markgraf Otto V. von Brandenburg, „Schlösser, Städte und Land Flozz, Hirsaw, Sultzpach, Rosenberg, … Neitstein, Harsprugk und Lauffen … Holenstain, … Hochenfels … gegen eine Pfandsumme von 100.000 fl.“. (5, Seite 35, Anm. 113)

fl. bedeutet Gulden
(Abkürzung fl. oder f. für Fiorino,
lat. florenus aureus, französisch Florin.) 
Sie leitet sich vom Florentiner Goldgulden ab,
der im 13. Jahrhundert Europa einschließlich England
als silberner Florin eroberte.
Das deutsche Wort Gulden kommt von „golden“ bzw.
„gülden“ oder „goldener“. (Goldgulden aus Mainz um 1400)

Durch diese Maßnahme Karls wurde Neuböhmen geteilt: der südliche Teil mit der bisherigen Hauptstadt Sulzbach kam zur Pfalz, das nördliche, restliche Territorium blieb bei Böhmen und wurde neuer Landgerichtsbezirk.

Das nebenstehende Siegel aus der Zeit,
als das Landgericht noch in Sulzbach war,
benutzte der Landrichter weiter,
als er 1373 nach Auerbach umzog.
Es zeigt den böhmischen König als
Gerichtsherrn mit der Wenzelskrone.
Die Umschrift lautet: "+ S IUDICII PROVINCIALIS
TRANS SILVAM REGNI BOHEMIE"
("Siegel des Landgerichts Böhmen jenseits des Waldes"; 7, Seite 312)

Das Landgericht Auerbach wirkte weit über die nähere Stadtumgebung hinaus, wie die folgende Skizze (7, Seite 63) zeigt; bis vor die Tore Forchheims, Erlangens und Laufs reichte der Gerichtssprengel.

Die Zuständigkeit beschränkte sich bei den Landgerichten hauptsächlich auf Streitfälle, bei denen es um Grund und Boden, um Erbschaften usw. ging. Strafrechtliche Fälle waren größtenteils den Halsgerichten übertragen, die über Leben und Tod zu entscheiden hatten. Außer auf der „Landschranne“ (Sitzungsplatz des Gerichts mit Bänken, Schranken und anderen Einrichtungen, die ihn vom Zuhörerplatz abgrenzen) im Auerbacher Schloss tagte das Gericht bisweilen auch auf einer der vier eingezeichneten Gerichtsstätten in Luchsenbruck, Kasberg, Roslauben oder auf der Schnaittachbrücke. Gerichtstag war Mittwoch, bei regelmäßig stattfindenden Sitzungen jeder vierte.

Der Rest von Neuböhmen umfasste immerhin noch die Ämter Auerbach, Beheimstein mit Pegnitz, Hollenberg, Thurndorf mit Eschenbach, Frankenberg, Erlangen, Rothenberg mit Schnaittach, Strahlenfels, Hohenstein, Hartenstein, Störnstein mit Neustadt a.d. Waldnaab und Bärnau. (Karte aus 7, Seite 43)

Durch die Verkleinerung von Neuböhmen anno 1373 musste auch die "Goldene Straße" in ihrem Verlauf teilweise (zumindest theoretisch) geändert werden. Während diese wichtige Handelsverbindung vorher über Sulzbach führte, ging sie nun über die neue Hauptstadt von Neuböhmen, also über Auerbach.

Wichtige Privilegien für Auerbach
Die neuböhmische Zeit (1353 bis 1400) insgesamt war für die Stadt Auerbach ein großer Segen, und sie
erlebte eine wahre Blütezeit. So erhielten die Stadt und ihre Bürger nicht weniger als 9 wichtige Privilegien, z.B. das Bannrecht über Tafernen (etwa das Recht, Wirtshäuser zu genehmigen und von ihnen bestimmte Abgaben einzunehmen), das Recht der Zollfreiheit mit Nürnberg  und das Recht, einen Wochenmarkt abzuhalten.
In diese Zeit fallen auch die Anlegung des großen Stadtweihers (1368), der ja heute nur mehr zum Teil besteht, und die Errichtung eines Schlosses (1374), das leider 1788 einstürzte und nicht wieder aufgebaut wurde.

Kaiser Karl hielt sich mit Sicherheit mindestens fünfmal in Auerbach auf, wahrscheinlich sogar öfter. Das große Wandgemälde an der Stirnseite des Rathaussaales zeigt den Einzug des Kaisers mit seinem Gefolge im Jahre 1363.

Hier der linke Teil des von Ludwig Haimerl 1929 gemalten Wandbildes mit dem Kaiser hoch zu Ross, umringt von seinem Gefolge. Im Hintergrund die mit einem doppelten Mauerring umgebene und mit Türmen und Toren bewehrte Stadt Auerbach. Das Bild ist teilweise ein Anachronismus, denn so hat Karl Auerbach nie gesehen. Das Rathaus über dem Helm des Knappen, der das Pferd führt, z.B. wurde an diesem Platz erst 1418 gebaut, und das Schloss hinter dem Kaiser 1374.
Auch die Stiftung des Bürgerspitals und der Spitalkirche in der unteren Vorstadt zeugen davon, dass es den Auerbachern in dieser neuböhmischen Zeit der 2. Hälfte des 14. Jahrhunderts gut ging.

Münzstätte und vierzehntägige Handelsmesse
Nachweislich seit 1387 residierte „des Königs oberster Pfleger in Beiern“ Borzwoi von Swinare in der Hauptstadt Auerbach. Er war ein sehr mächtiger Mann und neben seinem Amt als „Hauptmann in Baiern“ war er auch noch Landvogt in Schwaben (nachweisbar 1392-1394) und im  Elsaß (nachweisbar 1389-1399). „Borziwoi mischte überall mit, er war einer der einflußreichsten und auch meistverhaßten Männer im Reich ...“ (7, Seit 45)

Auch dessen Herr, König Wenzel,
(Bild aus der sog. Wenzelsbibel)
seit dem Tod Karls 1378 dessen Nachfolger,
war den Auerbachern wie sein Vater wohl gesonnen.
Er bestätigte und verlieh der Stadt verschiedene Rechte
und weilte mindestens zweimal in ihren Mauern. Um 1390 ließ Wenzel in seiner neuböhmischen Hauptstadt
eine eigene Münzwerkstätte errichten. In ihr
wurden u. a. die Auerbacher Pfennige geprägt,
von denen einer 1964 in die wertvolle Amtskette
des Bürgermeisters eingearbeitet wurde.
Auch die Freie Reichsstadt Nürnberg ließ 1396
in der hiesigen Münze einen Teil ihrer Silberpfennige schlagen. 

Im Jahre 1397 erhielt Auerbach von König Wenzel das Recht, alljährlich vom 1. bis zum 15. September eine vierzehntägige Handelsmesse abzuhalten.

In der entsprechenden Urkunde, gegeben und gesiegelt am 18. Oktober 1397, „Donnerstags nach St. Gallentag“, von König Wenzel in Nürnberg heißt es:

„Wir, Wenzel, von Gottes Gnaden Römischer König,
zu allen Zeiten Wahrer des Reichs,
und König zu Böhmen, bekennen ... daß wir
unserer Stadt zu Auerbach (awerpach) ... 
durch unsere besondere Gnade erlaubt haben, ...
einen Jahrmarkt acht Tage
vor unserer lieben Frauen Tage Geburt (8. September)
und acht Tage danach abzuhalten
mit allen Rechten, Gnaden und Freiheiten. ...“

In den Wirren der Reformationszeit im 16. Jahrhundert soll dieses Messerecht nach Nürnberg verkauft worden sein. „Diese Auerbacher Messe wird noch heutiger Zeit - zum Andenken ihres seligen Todes - am 1. September mit der großen Glocke ½ Stunde lang eingeläutet und ebenso vierzehn Tage darauf wieder ausgeläutet“, weiß Chronist Neubig 1839 zu berichten. (8, Seite 23) Eine alte Überlieferung sagt, dass während dieses Läutens die Auerbacher Frauen ihre Ehemänner verprügeln durften, weil deren Geschlechtsgenossen im Rat einst so dumm gewesen waren, diese bedeutende Handelsmesse zu verkaufen.

Ende der neuböhmischen Zeit
Bestrebungen, wie sein Vater Karl die Kaiserkrone zu bekommen, unternahm Wenzel nie, was für einen römisch-deutschen König doch recht ungewöhnlich war. Lieber ging der 1361 in Nürnberg geborene Wenzel auf die Jagd. Er frönte dieser so leidenschaftlich, dass er Tag und Nacht eine Meute riesiger und scharfer Jagdhunde um sich hatte.
An Silvestertag 1386 passierte eine ungeheuere Katastrophe am königlichen Hof: Einer der Jagdhunde fiel Wenzels Gemahlin Johanna von Bayern an und biss sie zu Tode.

Von diesem Zeitpunkt ab
veränderte sich Wenzels Wesen grundlegend.
Er gab sich hemmungslos dem Alkohol hin,
wurde träge und bösartig.
Manchmal bekam er furchtbare Wutanfälle,
während der der König unberechenbar war.

Obwohl er für Auerbach viel getan hat, war Wenzel nun als römischer (seit 1376), sowie als böhmischer und deutscher (seit 1378) König doch wohl nicht der richtige Mann. Auch in seinem Stammland Böhmen überwarf er sich mit dem Adel und vor allem mit der Geistlichkeit. So zerstritt er sich 1393 mit dem Prager Erzbischof und ließ einige seiner Berater verhaften und foltern; dabei soll er selbst mit Hand angelegt haben.

In Prag hatte König Wenzel
am 20. März 1393
den dortigen Generalvikar
Johannes von Nepomuk
foltern und in der Moldau ertränken lassen,
u. a. weil er als Vertrauter der Königin
das Beichtgeheimnis nicht brechen wollte.
Der populäre Brückenheilige Nepomuk
ist vielfach bei uns anzutreffen,
so in der unteren Vorstadt
beim Stadtweiher (Bild)
und in Michelfeld gegenüber
der Einfahrt zum Kloster.

Aus dem anfangs gerechten und gutgesinnten Herrscher war, wie verschiedene Geschichtsbücher sagen, ein der Trunksucht verfallener, jähzorniger und unberechenbarer Mann geworden. „Wenzel war einem Gemütszustand verfallen, der sich bald in wilder Grausamkeit, bald in trägem Dahindämmern äußerte.“ (9, Seite 414) „Im Reich und in Böhmen wurde er zum Totengräber dessen, was sein Vater geschaffen hatte.“ (10, Seite 180) Sehr hart geht die „Neue Geschichte des Deutschen Reiches für jedermann“ aus dem Jahre 1934 mit Wenzel ins Gericht: „In Oberlahnstein ist er dann am 28. August 1400 abgesetzt worden, ein jämmerlicher Wicht, von allen Ernsthaften seiner Zeit verachtet. Er hat das deutsche Königtum vor den Augen der Welt zum Spott gemacht, dieser böhmische Schacherer und Säufer.“ (11, Seite 155)
Der erste Auerbacher Chronist Johannes Neubig zieht für seine Vaterstadt Bilanz über die neuböhmische Zeit: „Im summarischen Überblick war diese böhmische Regierung von 1353-1400 für Auerbach ein großes Glück. ... Schon früher war für uns das herrlichste Morgenroth der wichtigsten Gnaden aufgegangen, welche durch Kaiser Karl und König Wenzel noch mehr ausgedehnt und erweitert wurden, so daß sich unter Auerbachs Himmel das regste Leben schön entfalten konnte. ... König Wenzel ... hat zwar den Beinamen des Bösen und Faulen erhalten, aber der böhmische Ostwind war wenigstens für Auerbach ein recht gesunder, thatenkräftiger, guter Wind.“ (8, Seite 24)

Gleich danach ...
Am 20. August des Jahres 1400 wurde König Wenzel von den Erzbischöfen von Mainz, Trier und Köln und von Ruprecht, dem Pfalzgrafen bei Rhein, auf der Burg Lahneck in Oberlahnstein für abgesetzt erklärt. Ruprecht aus dem Haus  Wittelsbach wurde am nächsten Tag in Rhens von den gleichen vier Kurfürsten zum neuen deutschen König gewählt.

König Ruprecht von der Pfalz (1400-1410),
wurde 1352 in Amberg geboren.
1374 heiratete er Elisabeth
von Hohenzollern-Nürnberg (Bild).
Gleich nach seiner Wahl zum deutschen König
setzte er alles daran, die Reste Neuböhmens
und damit auch unsere Heimat
unter seine Herrschaft zu bekommen.

An der Spitze eines böhmischen Heeres leistete obengenannter Borziwoi erbitterten Widerstand gegen eine Besetzung Neuböhmens durch König Ruprecht von der Pfalz. Doch vergebens: am 23. September des Jahres 1400 eroberten die Truppen Ruprechts unter dem Amberger Vicedom Johann von Hirschhorn das durch den Verteidigungskampf schon schwer beschädigte Auerbach. (Johann von Hirschhorn war als Vicedom oder Viztum so etwas Ähnliches wie heute ein Regierungspräsident; Amberg war seit dem Hausvertrag von Pavia 1329 bis zum Jahre 1812 die Hauptstadt des Gebietes, das damals einen Großteil der heutigen Oberpfalz umfasste.)
Die Not der Auerbacher war nach dieser Einnahme durch die Truppen König Ruprechts so groß, dass der neue Herr die Stadt und ihre Bewohner für 12 Jahre von allen Abgaben befreite, damit wenigstens die Häuser wieder aufgebaut werden konnten.

verwendete und weiterführende Quellen

1 Seibt, Ferdinand, Karl IV. – Ein Kaiser in Europa, München 1978
2 Kaiser Karl IV., Führer zur Ausstellung auf der Nürnberger Burg, 1978
3 Kaiser Karl IV. Staatsmann und Mäzen, hg. von Ferdinand Seibt, Ausstellungskatalog 1978
4 Schwabe, Ernst, 2000 Jahre Deutscher Geschichte, Leipzig 1916
5 Schnelbögl, Fritz, Das Böhmische Salbüchlein Kaiser Karls IV. über die nördliche Oberpfalz, Veröffentlichungen des Collegium Carolinum, Band 27, München 1973
6 Staatsarchiv Amberg, Amt Auerbach, Fasc. 348, Nr. 728
7 Schnelbögl, Fritz, Auerbach in der Oberpfalz, Auerbach 1976
8 Neubig, Johannes, Auerbach, die ehemalige Kreis- und Landgerichtsstadt in der Oberpfalz, Auerbach 1839
9

Orthbrandt, Eberhard, Deutsche Geschichte, Tübingen 1960 (S. 414)

10

Franzel, Emil, Geschichte des deutschen Volkes, Mannheim 1985

11

Burg, Paul, Neue Geschichte des Deutschen Reiches für jedermann, Leipzig 1934

Tief drin im Böhmerwald ...
(Volksweise)

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letzte Bearbeitung dieses Artikels am 25. Oktober 2016

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